EIN KÜNSTLERISCHES LABORATORIUM ALS INTERSUBJEKTIVER FORSCHUNGSRAUM

“Das künstlerische Laboratorium ist erfüllt von einem stillen Einklang zwischen uns, die in diesem Raum spielen. Es ist eine Synchronizität, oder die Ebene von Zeit, die sich entspinnt, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf das gemeinsame kollektive Bewusstsein gelenkt haben. Da sind wahrnehmbare Fragen, deren Antworten wir nicht kennen – ja, wir wussten nicht einmal, wie wir die Fragen stellen sollten, bevor wir es im Laboratorium taten.”

(Dokumentation aus den Projektnotizen 02/2023)

Im Januar 2023 begann ich mit den südafrikanischen Künstlern Sizwe Bantu Nyanga und Luyanda Nkomonde in künstlerischer, intersubjektiver und wissenschaftlicher Zusammenarbeit ein künstlerisches Laboratorium zu entwickeln. Dieser Forschungsraum wurde dem kollektiven Gefühl des „Verloren-Seins“, bzw. „Entwurzelt-Seins“ gewidmet. Zu dem Zeitpunkt des Beginns der Kollaboration schilderten uns sehr viele Menschen, insbesondere junge Personen, in unserem Arbeitsumfeld (Vosloorus/ Südafrika), kaum bzw. kein vorhandenes Kohärenzgefühl in ihrer Lebensrealität zu empfinden. Fragen zur Identität, wie „Wer bin ich?“, „Woher komme ich?“ und „Wohin möchte ich gehen?“ schienen einem Großteil der von uns in diesem Zeitraum befragten Personen nicht nur zu bewegen, sondern auch in einer ohnmächtigen Passivität zurückzulassen. Das geteilte Gefühl des persönlichen „Entwurzelt“-Seins ließ uns in unserer künstlerischen Forschung erfragen, ob es womöglich ebenso ein Symptom eines kollektiven Traumas darstellt und inwiefern eine künstlerische Praxis zu einer kollektiven Linderung beitragen könnte. 1963 als Township während des Apartheid-Regimes errichtet, trägt Vosloorus nach wie vor die Spuren von Unterdrückung, Vertreibung und Gewalt, insbesondere in seinen Bewohner:Innen, deren Vorfahren, bzw. sie selbst in diesen Ort versetzt wurden. In Zusammenhang mit den geschichtlichen und politischen Hintergründen sahen wir uns den Auswirkungen dieser Vergangenheit nun in den Nachkommen zweiter bis dritter Generation gegenüber, die zwar nach dem Ende des Apartheid-Regimes geboren waren, sich jedoch in der Spirale eines transgenerationalen, kollektiven Trauma-Feldes befinden. Sizwe, Luyanda und ich entschieden uns im Februar 2023 einen intersubjektiven, künstlerischen Forschungsraum für diesen geschilderten Zusammenhang zu öffnen.

Unter dem Projektnamen “Home(Less) In The Global Village”, der an einen Essay von Vandana Shiva aus dem Jahr 1993 angelehnt ist, luden wir junge Menschen zwischen 16 bis 26 Jahren ein, an biographischen Entwurzelungserfahrungen künstlerisch zu forschen. Ab April 2023 eröffneten wir im Rahmen des Projektes einen Atelier-Standort in Vosloorus/ Südafrika und einen in Bonn/Deutschland. Über zwei Monate dienten die beiden Standorte des Projektes als Residenzen für junge Menschen, die sich über ihr persönliches Gefühl des “ Verloren sein” und der kulturellen, physischen und sozialen Heimatlosigkeit ausdrückten, austauschten und versuchten, sich selbst in diesen Empfindungen künstlerisch zu verorten. In den Arbeitsprozessen dienten die künstlerische Kartographie und das graphischegraphisches Erzählen als Basismethoden unserer gemeinsamen künstlerischen Forschungsarbeit.

Ziel des künstlerischen Laboratoriums war es, einen wertfreien, sicheren Raum zu schaffen, in dem Betroffene künstlerisch ihre eigene Geschichte erzählen können. Die These bestand darin, dass durch die gemeinsame künstlerische Arbeit in einem Forschungsfeld mit biografischem Bezug ein Potential der individuellen sowie kollektiven Heilung und Neuaufbau eines sozialen Containers sowie eines Kohärenzgefühls ermöglicht werden kann.

MAPA GRANDE I (AUSSCHNITT C); 07/2024; 42×42 cm

Insbesondere die Reflexionsmethode der Kartierung, sollte als Werkzeug der physischen, emotionalen und relationalen Verortung durch künstlerischen Ausdruck nicht nur die Selbsterkenntnis und -wahrnehmung stärken, sondern die Selbstwirksamkeit aufzeigen, die durch eine klare Selbstverortung aktiviert werden kann aufzeigen. Da die künstlerischenknstlerischen Prozesse neben den kartographischen Interventionen in einem intersubjektiven .ä

Forschungsraum mit anderen Betroffenen mit ähnlichen Biographien gestellt wurde, sollte die Dynamik und Beschaffenheit der gemeinsamen Arbeit zu einer Förderung diverser Resilienzfaktoren führen.

“ICH SCHWIMME IN BAHNEN, DIE NICHT MEINE SIND. DARIN BIN ICH HEIMATLOS.”

(Projektteilnehmerin 06/2023)

In dem Projekt Home[Less] in the Global Village erzählen junge Menschen künstlerisch, wie es ist, in den Globalisierungs – und Digitalisierungsprozessen der Moderne sich auf Identitätssuche zu begeben. Wie fühlt es sich für eine neue Generation an, die in einer immer schneller werdenden Welt heranwächst – charakterisiert von gesellschaftlichen Phänomenen wie kollektiven Traumata, das Gefühl der Heimatlosigkeit und Desorientierung im eigenen Leben. Das Projekt möchte eine Stimme den Heranwachsenden geben, die künstlerisch verarbeiten, was Unterdrückung, soziale Ungerechtigkeit und gesellschaftliche Hürden für ein kollegiales gutes Leben sind. Gemeinsam erforschen die Künstler:innen in dem Projekt die eigenen Wurzeln, Heimatort, Standpunkt und den Weg, den sie zukünftig beschreiten wollen.

Unsere Erfahrungen in dem Prozess einer Projektentwicklung und -ausführung waren, dass die Intersubjektivität eines Forschungsraumes erst die Tiefe von Begegnung und gegenseitigem Verstehen generiert, die es braucht, um einen kollektiven, Kohärenz stiftenden Resonanzkörper zu schaffen. Jede künstlerisch-forschende Person ist strukturgebendes Strukturelement der intersubjektiven Ebene des artistic laboratory, in dem diese tätig ist. Nicht nur der künstlerische Schaffensprozess, der in diesem sich etabliert, sondern auch die biografische Forschungsarbeit haben die Macht, Dynamiken der inneren Heilung und die Stärkung von Resilienzfaktoren zu unterstützen. Die Methode des mapping vereint diese qualitativen Aspekte in sich, vor allem da sie von der Haltung des Mapper* gehalten wird.

Der Mapper* ist innerhalb dieses Projektes und auch in der Ausarbeitung mehr als die künstlerisch- forschende Person geworden. Diese Rolle beschreibt für mich eine Person, die vielleicht nicht furchtlos und unbelastet durch die Welt gehen kann, jedoch das Werkzeug sich bereitet hat, um die innere Klarheit über die eigene Stärke und Handlungsmacht zurückzugewinnen. Die kartierende Auseinandersetzung mit biografischen Spuren, verknüpft in einem intersubjektiven Forschungsraum, ist in der Lage größere gesellschaftliche Phänomene sichtbar zu machen.

Das Laboratorium hat zwar aus anderen Gründen künstlerisch Forschende eingeladen, die aus der Perspektive vielschichtiger Identitäten ihre Selbsterfahrung in einem intersubjektiven Künstler:Innen-Raum miteinander teilen konnten. Jedoch ist bereits während der Durchführung des Projektes die immense Qualität ihrer Arbeit sichtbar geworden, die für eine entstandene Dynamik spricht, die sich über unsere eigentlichen Erwartungen hinaus bewegt. Sie spricht von einem Aufdecken, Erforschen und Ergründen eines globalen Phänomens der Gewalt gegen Menschen und Menschengruppen, sowie dessen langfristige Konsequenzen. Durch die Sichtbarmachung in Bild, performativer und musikalischer Arbeit wurden diese Konsequenzen in einen praktischen Bearbeitungs- und Handlungsort zurückgeholt und in eine kollektive Aushandlung gebracht. Ohnmacht und Schmerz wurde mit Vielgestaltigkeit und künstlerischer Aneignung innerer sowie äußerer Orte begegnet. Das künstlerische Laboratorium zeichnete sich in seiner Umsetzung als Prisma aus, das die heterogene Annahme über Erkenntnisgewinn aufzubrechen vermag in die vielfältigen Bestandteile der Wissensschöpfung auf eine progressive, unvoreingenommene und unvorhergesehene Art.

Das Projekt führte in einer Ausstellung vom 19. bis 25. Juni 2023 im Kunstmuseum Bonn die Arbeiten von beiden Standorten zusammen, und eröffnete eine interaktive Ausstellungsform, um weitere Perspektiven der Besucher:Innen zu diesem Thema zu sammeln.

Das Projekt möchte jungen Künstler:Innen einen sicheren Raum bieten, wo sie sich kreativ und frei durch biografische, Ressourcen-orientierte und künstlerische Arbeit auf eine generative Art und Weise erforschen können. In ihrer Arbeit traten sie mit anderen Künstler:Innen, Positionen und Perspektiven in den Austausch, wodurch das gemeinsame, „künstlerische Laboratorium“ nicht nur bereichert wurde, sondern auch eine Bereicherung für viele andere Menschen immer noch kreiert wird.