ekel

Ich spüre den Ekel seit einiger Zeit. Wie er in meiner Kehle sitzt. In meinem Magen. In meinem Herzen. Er ist gefärbt von Scham und Angst. Und erst in den tieferen Auswüchsen seiner schwulztigen Masse erhebt sich die zermarternde Wut.  Wut kann nur genährt werden durch inneres Feuer und Lebendigkeit eines kämpferischen Geistes. Doch meiner ist schwach. Ja quasi fast non-existent, was mich fühlen lässt als wäre ich ein treibendes Blatt auf einer unbeweglichen Wasseroberfläche.  Ich fühle mich kraftlos. Der Ekel lässt mich kraftlos werden. 

Als ich das Bild heute dazu malte, erschrak ich vor der Gestalt, die sich da vor mir auf dem Papier ausstreckte und nun endlich materialisiert bettachtbar war: eine ausgemergelte, zusammengesunkene Gestalt. Der Mund offen, doch von Schwärze erfüllt. Die Augen karg und leblos ins Nichts gerichtet, die Hände ausgestreckt und leer. Der Ekel füllt die gesamte Brust bis in den Rachen hinauf. Nichts kann diesen Ekel ausspucken. Er muss anders aufgelöst werden.  Es war für mich untragbar, diese Gestalt anzublicken. Ich konnte sie nicht ertragen. Ich konnte die Ehrlichkeit in dieser Zeichnung nicht aushalten. Es erschreckte mich zu tiefst, was der materialisierte Ekel mit mir machte. Ich hatte bisher nicht die Kraft, dem Ekel in mir zu begegnen – doch auf dem Bild war es plötzlich alles so klar sichtbar – so machtvoll überwältigend grausam. 

Ich habe Angst vor einer potentiellen Zukunft, in der diese Anteile mehr Macht über mein Sein haben werden, als meine hellen, positiven. Ich habe Angst vor meinem Demian.  Ich spüre den Ekel, wenn ich nach Hause komme, nach einem Tag auf der Arbeit. Er erfüllt mich, wenn ich an den Wochenenden an die Menschen denke, die abgeschoben, gequält, getötet werden, weil dieses System sie abweist. Abweisung ist in den Strukturen und in den Haltungen der Menschen. Mich erfüllt der Ekel, wenn ich mit Menschen spreche, wie mit dieser älteren Frau vor einigen Tagen, die so hasserfüllt und rassistisch ihre postfaktischen Argumente ausspuckt, ohne jegliches menschliche Mittgefühl und Demut vor den eigenen Privilegien. 

Und ich ekel mich vor mir selbst an den Stellen, wo ich zu kraftlos bin, mehr zu tun. Mich stärker einzusetzen.  Ich ekel mich vor den Menschen für die ich arbeiten muss, ich ekel mich vor diesem Land, dass sie mit Rechtssystem und Regelungen grausam Schicksale richten von Zivilist:Innen – von Kindern. Und die Scham sagt: „Ist meine Arbeit überhaupt sinnvoll?“ Was kann diese Arbeit schon tun, in 6 Monaten während Menschen weiter durch den BAMF-Fleischwolf gedreht werden?